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100 Jahre vhs

Wanderausstellung zur vhs-Geschichte in Sachsen

Von Prof. Dr. Ulrich Klemm

Die Weimarer Verfassung von 1919 regelte erstmals programmatisch in Artikel 148 die Belange der Erwachsenenbildung und Volkshochschulen für Deutschland. Diese verfassungsrechtliche Bürgschaft des Staates für lebenslanges Lernen – damals sprach man von Volksbildung – führte in Sachsen zu einer ersten großen Gründungswelle von Volkshochschulen. 1926 verzeichnet das Sächsische Ministerium für Volksbildung/Landesstelle für freies Volksbildungswesen 48 Abend-Volkshochschulen und die Heimvolkshochschule Sachsenburg. Auch wenn es bereits zuvor vhs-Gründungen in Sachsen gab, wie zum Beispiel in Görlitz, kann 1919 als das Jahr der ersten großen Gründungswelle von sächsischen Volkshochschulen gelten. Bekannt sind aus diesem Jahr mindestens zehn Gründungen auf dem damaligen Territorium von Sachsen.

Desiderat im Selbstverständnis

Die Würdigung der 100-jährigen Bildungstradition der Volkshochschulen in Sachsen und die vernachlässigte Bildungsgeschichte der Erwachsenenbildung im Freistaat veranlasste den Sächsischen Volkshochschulverband (SVV) zu einer historischen und systematischen Aufarbeitung in Form einer Wanderausstellung. Inhaltlich ist sie im Horizont einer kulturgeschichtlichen und bildungshistorischen Betrachtung angelegt. Es geht nicht um eine chronologische Darstellung von Fakten und Daten. Im Mittelpunkt steht eine qualitative und systematisch-historische Analyse der vhs-Arbeit im kulturgeschichtlichen Kontext.

Für dieses Ausstellungsprojekt bedarf es interdisziplinärer Expertisen und Kompetenzen. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter*innen der TU Chemnitz (Dr. Anja Mede-Schelenz, Kulturwissenschaftlerin und Erwachsenenpädagogin sowie Tobias Lemke, Erziehungswissenschaftler und Erwachsenenpädagoge) bereiteten die Ausstellung vor. Sie werden unterstützt durch eine studentische Hilfskraft, ehemalige hauptamtliche Mitarbeiter*innen und Leiter an sächsischen Volkshochschulen. Zum wissenschaftlichen Beirat gehören die Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger und der Erwachsenenbildner Prof. Dr. Bernd Käpplinger.

Großer Andrang bei der Anmeldung.

Konzeption der Ausstellung zielt auf niedrigschwelligen Zugang

Inhaltlich umfasst die Wanderausstellung neun unterschiedliche Themengruppen mit je drei Ausstellungsmodulen. Die Themen lauten:

  • Gründungsgeschichten der Volkshochschulen
  • Transformationsperioden 1930–1990
  • Programm, Inhalte, Themenschwerpunkte
  • Teilnehmer*innen und Zielgruppen
  • vhs-Mitarbeiter*innen und Kursleiter*innen
  • Methodik und Didaktik
  • Lernorte und Kursräume
  • Marketing und Werbung
  • Ausblick: vhs 2030

Die Vielfalt, Heterogenität und das Zeitfenster von 100 Jahren sind eine Herausforderung für eine niederschwellige Wanderausstellung, die ein breites Publikum erreichen soll. Die optische Aufbereitung der Wanderausstellung erleichtert den Zugang. So enthalten die Themengruppen zahlreiche Fotos, Faksimile-Abbildungen, Textdokumente und Aussagen von Zeitzeugen aus den Jahren 1919–2019. Auch die technische Umsetzung der Ausstellung ist so konzipiert, dass diese flexibel an unterschiedlichen Orten gezeigt werden kann, auch an solchen, die nicht in erster Linie dafür gedacht sind. Die insgesamt 27 Ausstellungsmodule stehen als Roll-Ups und alternativ als Tafeln zum Aufhängen zur Verfügung und lassen sich unkompliziert, schnell und flexibel aufbauen.

Erste Ergebnisse lassen übergreifende Entwicklungslinien erkennbar werden

Als erster Eindruck der 100-jährigen vhs-Geschichte in Sachsen zeichnet sich im Rahmen der vorgenommenen Recherchen Folgendes ab:

  • Die Gründungsphase in den 1920er Jahren ist durch zahlreiche Persönlichkeiten geprägt, die die „Idee vhs“ vor Ort umsetzten und vielfach auch deutschlandweit Wirkung und Bedeutung erlangten. Zu nennen sind beispielsweise Hermann Heller (1891–1933) und Gertrud Hermes (1872–1942) aus Leipzig oder Franz Mockrauer (1889–1962) und Alice Rühle-Gerstel (1894–1943) aus Dresden.

  • Die Phasen der gesellschaftlichen Transformation in den 1930er, 1940/50er und 1990er Jahren spielen eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der Volkshochschulen und haben ihre Ausrichtung immer wieder verändert bzw. neu geprägt. So war etwa die vhs in der Zeit der sowjetischen Besatzungszone SBZ und der DDR sehr stark beruflich und auf schulische Abschlüsse fixiert.

  • Die Volkshochschulen entwickelten bereits früh regional-orientierte Identitäten und setzten entsprechende Schwerpunkte. Eine über Sachsen hinaus bedeutsame Entwicklung war zum Beispiel die proletarisch orientierte „Leipziger Richtung“ und die eher bürgerlich orientierte „Dresdner Richtung“. Bis heute ist die vhs durch lokale und regionale Merkmale und Schwerpunkte geprägt. Diese Vielfalt (in der Ausprägung) in der Einheit (der Idee) kennzeichnet seit den 1920er Jahren die vhs-Landschaft.

  • Seit den 1960er Jahren fand ein mehr oder weniger kontinuierlicher Konzentrationsprozess der vhs-Landschaft statt, insbesondere nach dem
    31. Mai 1990. Den Sächsischen Volkshochschul-Verband (SVV) gründeten damals 51 Volkshochschulen – heute sind es noch 16. Eine wichtige Rolle bei diesem Prozess spielten zwei sächsische Gebietsreformen, die neue verwaltungspolitische und -rechtliche Strukturen schufen.

  • Im Bereich des Marketing und der Werbung für Bildung lassen sich in allen historischen Phasen, bei allen regionalen Unterschieden, mehr oder weniger einheitliche ästhetische Standards feststellen. Hier prägen das allgemeine Lebensgefühl und ästhetische Ausrichtungen des Alltags das vhs-Marketing sehr einheitlich.

  • Bei den inhaltlichen Ausrichtungen waren einerseits die Transformationsphasen und andererseits regionale Verortungen von Bedeutung. In den ersten Jahrzehnten prägten außerdem Persönlichkeiten der „Gründergenerationen“ wesentlich das inhaltliche Profil. Ein prominentes Beispiel ist Victor Klemperer (1881–1960) als erster vhs-Leiter in Dresden nach 1945. Hieran zeigt sich der große Einfluss der Leiter*innen bzw. einzelner pädagogischer Mitarbeiter*innen auf die Außenwirkung der vhs.

  • Bereits früh zeichnen sich bei den Volkshochschulen Orientierungen auf spezielle Zielgruppen ab. Bildung für Frauen und „Mütterkurse“ spielen in Leipzig, Dresden und Chemnitz seit den 1920er Jahren eine Rolle. In Leipzig wurde der Bildung für Arbeiter mit jungen Erwachsenen in der Ausbildung besondere Aufmerksamkeit zuteil.

  • Von großer Bedeutung für die vhs ist die Methodik und Didaktik, die sich signifikant von schulischem Lernen unterscheidet und heute als „Ermöglichungsdidaktik“ bezeichnet wird. Die reformpädagogischen Konzepte der Gruppenarbeit, Teilnehmerorientierung, Mitbestimmung, der Kontroversität und der Medienarbeit ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Phasen – auch stellenweise im Nationalsozialismus und in der DDR-Zeit.

  • Ein für die vhs bis heute zentrales Thema sind die Lern- und Kursräume. Sachsen verfügt über eine ausgesprochen große Vielfalt: von der ländlichen Heim-Volkshochschule Sachsenburg (1926–1933), den städtischen Volkshochschul-Heimen in Leipzig in den 1920er Jahren bis zum „Kulturkaufhaus“ „DAStietz“ in Chemnitz oder dem „Salzhaus“ in Zittau in den 2000er-Jahren. Letztere weisen innovative und experimentelle Impulse auf, die auch über Sachsen hinaus Resonanz erleb(t)en.

Eröffnet wird die Ausstellung am 14. Februar 2019 in der vhs Dresden vom Präsidenten des SVV, Ministerpräsident Michael Kretschmer, und anschließend an verschiedenen sächsischen Volkshochschulen landesweit gezeigt. |
 
Unterschiedliche Cover stehen für die verschiedenen Phasen der Volkshochschulen in Sachsen

ist Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes und Vorsitzender des Landesbeirats für Erwachsenenbildung beim Sächsischen Staatsministerium für Kultus.

Prof. Dr. Ulrich Klemm

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Sächsischer Volkshochschulverband e.V.
  • SVV - S. Rank

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