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In Essen feiert die gesamte Stadt

Von Michael Imberg

Am Anfang stand ein erstaunlicher Aufbruch, der sich quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche zog. Besonderes Augenmerk verdient, dass sich die nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Weimarer Republik in ihrer Verfassung explizit zur Freiheit und Pflege von Kunst und Wissenschaft bekannte, gar das Amt des Reichkunstwarts aus der Taufe hob. Als hätten die Menschen dieser Zeit keine anderen Sorgen gehabt, mag die eine oder der andere rückblickend denken.

Die junge Republik taumelte ihrer Gründung entgegen, da entfaltete sich inmitten der Tumulte und Straßenkämpfe zeitgleich ein Fortschrittsoptimismus und Bildungsglaube, der uns aus heutiger Sicht irritiert und fasziniert. Noch bevor im August 1919 in Weimar die Reichsverfassung ins Leben gerufen wurde, gründete sich in Essen eine der ersten Volkshochschulen. Währenddessen wurde in Versailles verhandelt, in München die Räterepublik erprobt und bei den Berliner Märzkämpfen waren 1.200 Menschen getötet, viele sogar hingerichtet worden. Es drängt sich der Eindruck auf: Bildung für alle gegen den Irrsinn vieler! Was für eine Vision! Welch ein Pathos! Was für ein Auftrag!

Man kann es natürlich auch differenzierter, isolierter, nüchterner beschreiben: Bereits am 28. Mai 1919 wurde auf Beschluss des Ausschusses für Volksbildung der Essener Stadtverordnetenversammlung die vhs Essen gegründet. Punkt. Maßgeblich beteiligt war der damalige Essener Oberbürgermeister und spätere Reichskanzler Dr. Hans Luther. Große Bedeutung kam dabei auch dem Pädagogen Artur Jacobs (1880-1968) zu, der mit seiner Schrift „Über Wesen und Ziele einer Volkshochschule“ die Gründung theoretisch vorbereitete.

Am 18. Oktober 1928 eröffnete das Lichtburg Kino am Burgplatz in Essen.

Sichtbarer Aufbruch in eine neue Zeit

Diese Fakten lassen uns Bildungsbewegte an den Volkshochschulen keineswegs kalt. Die Gründung zahlreicher Volkshochschulen im Sinne des Verfassungsauftrages war sichtbarer Aufbruch in eine neue Zeit. Große Schriftsteller und Dichter propagierten einen neuen Menschen, der sich nicht perfekt an einen von oben nach unten durchorganisierten Staat anpassen ließ: Widerspruch, Zivilcourage, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung waren nun gefragt. Es ging und es geht darum, sichtbar zu machen, welche Schwächen Systeme und Strukturen haben, welche Schwächen der Mensch bei sich erkennen muss, ohne diese Schwächen durch uniformen Prunk und Arroganz zu überspielen.

In der Kunst etwa brachen die Expressionisten schonungslos auf, was sich dahinter verbirgt: Bis heute verwirren die Kubisten und Konstruktivisten unsere Sicherheit und unseren Glauben, immer das Richtige zu sehen. Die Zahl der Aufbrüche ließe sich beliebig mit Beispielen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, aus Sport, Musik, Architektur und weiteren Feldern illustrieren. Ganz im Zeichen eines für die Kunst und die Bildung genialen Aufbruchs steht unsere Heimatstadt Essen: 1919 bildete sich auf der Margarethenhöhe eine bedeutende Künstlerkolonie. Und: Nach dem Tod des berühmten Hagener Industriellen Karl Ernst Osthaus übernahm die Stadt Essen das Museum für moderne Kunst, das den heute weltbekannten Namen Museum Folkwang bekam.

Die Künstlerinnen und Künstler schöpften neue Kraft aus der Verbindung der Künste, deren gemeinsames Wirken in der Bündelung und dem ergänzenden Miteinander zum Ausdruck kommt. Von diesem Gedanken inspiriert, organisiert die Volkshochschule Essen anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums für das gesamte Stadtgebiet unter dem Titel „Aufbrüche“ einen Verbund, der in Ausstellungen, Vorträgen und Exkursionen die Verbindung von politischer und kultureller Moderne aufzeigt. Zu den teilnehmenden Institutionen gehören unter anderem das Museum Folkwang, die Alte Synagoge, das Ruhr Museum, der Historische Verein für Stadt und Stift Essen, die Stadtbibliothek und die vhs selbst. Die Semester-Eröffnung am 10. Februar 2019 markiert den Start in das Jubiläumsjahr. Einen weiteren Höhepunkt bildet das traditionelle Kulturpfadfest im Juni 2019.

Humanistischer Bildungsbegriff bleibt unser gemeinsamer Bezugspunkt

Der gemeinsame Bezugspunkt ist für uns der Begriff der Bildung, der vor hundert Jahren prominent in der Weimarer Verfassung auftaucht: „Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“ Damit ist bis heute ein humanistischer Optimismus formuliert, wonach Bildung jeden einzelnen Menschen dazu befähige, an der Gesellschaft teilzuhaben und diese, wie auch sich selbst, fortzuentwickeln – unabhängig von seiner sozialen Herkunft oder seinem Glauben.

Dieser Anspruch auf Bildung muss immer wieder erneuert werden. Die Volkshochschule Essen nennt diese Aktualisierung einen „Realitäts-Check“, dem sich eine wandelnde Stadtgesellschaft unterziehen muss, um Bildung auch zukünftig zu ermöglichen. Denn Aufbrüche können auch steckenbleiben, vielleicht sogar ins Gegenteil pervertieren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Recht, wenn er mahnt „Berlin ist nicht Weimar.“ Und wer immer nur vor der Wiederkehr des Gleichen warne, „droht neue Herausforderungen aus den Augen zu verlieren“. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Demokraten am Ende der Weimarer Republik verloren haben.

Ein gläserner Anbau an der Lichtburg bildet seit 2004 den Eingangsbereich der neuen Volkshochschule.

vhs ist der Ort, an dem sich die Stadtgesellschaft bildet

Aufbrüche sind so stark wie die Menschen, die sie initiieren. Im digitalen Zeitalter prägen neue Lebens­ideale das urbane Miteinander, bedürfen neue Herausforderungen unseres Einfallsreichtums – geistig, politisch, kulturell und ökonomisch. Soziale Medien fragmentieren die öffentliche Meinung nicht nur, sie fanatisieren sie auch zunehmend. Die Stadt kann nicht mehr länger als eine Ansammlung von Häusern, sie muss als ein soziales Gebilde beschrieben werden. Wir als Volkshochschule leben das jeden Tag: die Stadt als Ort kreativer Schöpfung.

Wir machen Kursangebote, die die Selbstwirksamkeit der Teilnehmenden stärken – in privater, in bürgerlicher und in beruflicher Hinsicht. Und das mit einer gehörigen Portion Lust am Lernen. „Offen für alle, vielfältig und bürgerschaftlich engagiert“ – das sind die Prinzipien der Erwachsenenbildung nach Max Hirsch, einem anderen Pionier der Volkshochschulen. Diese Prinzipien machen bis heute unsere Volkshochschule aus – den Ort, an dem sich die Stadtgesellschaft bildet, wie unser Slogan heißt. Und, wir sind mit unserer Arbeit noch lange nicht fertig. Man möchte meinen, wir fangen gerade erst an. 

ist Direktor der Volkshochschule Essen.

Portrait Michael Imberg
Michael Imberg

"100 Jahre im Licht" - Filmkunst zur Geschichte der vhs

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Olaf Mahlstedt, vhs Essen
  • Olaf Mahlstedt, vhs Essen
  • Volker Hartmann/ VHS Essen
  • vhs Essen

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