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Vorreiter für eine moderne Verbandsstruktur

Von Sylvia Kränke

Trotz Wirtschaftskrise und Inflation entstanden in der Weimarer Zeit in wenigen Jahren Hunderte von Volkshochschulen. Thüringen nahm dabei eine Vorreiterrolle ein. Bereits Anfang des Jahres 1919 wurde in Jena die Volkshochschule Thüringen gegründet. Damit war nicht eine einzelne Institution Volkshochschule gemeint. Vielmehr handelte es sich um eine Vereinigung von Personen und Körperschaften, die die Einrichtung von Volkshochschulen in Thüringen fördern wollten. Die flächendeckende Versorgung mit Bildungsangeboten, die Qualitätssicherung der Bildung überall im Lande sowie die Kommunikation über die praktische Arbeit waren wesentliche Ziele dieser überlokalen Vereinigung (1).

Die Organisation der selbstverwalteten Volkshochschulen im Verband – eine Idee, die sich bewährt hat und modern ist. Denn auch heute gewährleistet die Infrastruktur des Verbandes die bestmögliche Nutzung von Ressourcen für ein hochwertiges und differenziertes Programmangebot.

Historische Karte mit Standorten der Volkshochschulen

Von der „Grundsteinlegung“ 1919 bis zur Gegenwart

In der Zeit nach der Gründung der Volkshochschule Thüringen im April 1919 entstanden in zahlreichen Orten Thüringens Volkshochschulen. Mit dabei waren große Städte wie Jena, Erfurt und Gera ebenso wie kleine Ortschaften wie Neuengönna oder Wünschendorf. Während des Nationalsozialismus setzten nur wenige vhs ihre Arbeit fort. Sie sahen sich zumeist mit einschneidenden Veränderungen konfrontiert, wie der „Ausschaltung unangenehmer Persönlichkeiten“ und der Kürzung der finanziellen Mittel (2).

Unmittelbar nach 1945 wurde an die Entwicklung der Weimarer Zeit angeknüpft. Allerdings verliefen Auf- und Ausbau der Volkshochschularbeit, geprägt von den Intentionen und Auflagen der Besatzungsmächte, sehr unterschiedlich. So gerieten die Volkshochschulen der späteren DDR zunehmend unter staatliche Lenkung und Abhängigkeit. Ihr Programm war gekennzeichnet von Angeboten zum Nachholen von Schulabschlüssen und enthielt vergleichsweise wenige allgemeinbildende Veranstaltungen. Dem gegenüber wurde in der Bundesrepublik mit der Gesetzgebung zum Weiterbildungsbereich, die zum Ziel hatte Weiterbildung als eigenständigen vierten Hauptbereich des Bildungssystems zu etablieren, in den sechziger Jahren eine größere Verbindlichkeit des Angebotes und damit der Prozess der Professionalisierung eingeleitet.

Demokratisieren und organisieren: die Neugründung des Landesverbandes

Nach den Ereignissen von 1989 gab es an vielen vhs verstärkte politische Diskussionen. Trotz unterschiedlicher Auffassungen über die zukünftige Entwicklung waren alle bestrebt, die Volkshochschulen in ihrer Arbeit zu demokratisieren und an die Traditionen der zwanziger Jahre anzuknüpfen. Auch der Kontakt zu den Volkshochschulen in den westlichen Bundesländern wurde nach einer Ruhepause von 40 Jahren wiederhergestellt. Nach der Einigung Deutschlands schlossen sich die Thüringer Volkshochschulen in der Gründungsversammlung am 14. März 1990 in Erfurt nach dem Muster der alten Bundesländer im Landesverband zusammen und wurden 1991 in den Deutschen Volkshochschul-Verband e.V. aufgenommen. Oberstes Ziel des neu gegründeten Landesverbandes war eine feste Verankerung der Volkshochschulen in einem Erwachsenenbildungsgesetz. Das Thüringer Gesetz wurde 1992 verabschiedet und war das erste dieser Art in den neuen Bundesländern. In seinen wichtigen Grundaussagen ist das Gesetz bis in die heutige Zeit gültig.

Schwerpunkte der vhs im Wandel

1991 wurden 38 Volkshochschulen gegründet, sowohl in allen größeren Städten als auch im ländlichen Bereich. Heute gibt es im Freistaat Thüringen insgesamt 23 Volkshochschulen mit 57 Geschäftsstellen und zahlreichen Kursorten, die sich großer Nachfrage erfreuen. In den Programmen fanden sich zunächst Angebote wie „Du und Dein Garten“, „Rund ums Baby“, „Kunstgewerbliches selbst gestalten“ oder „Rechtsfragen des Alltags“. Zahlreich waren auch Sprachkurse, zum Beispiel Tschechisch, Ungarisch und Bulgarisch für Touristen, oder Schulabschlusskurse. Die wenig später so wichtige EDV-Qualifizierung war hingegen noch kaum von Bedeutung. Dies zeigt, dass das Programm der Volkshochschulen stets auch die gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt. So gibt es neben manchen Kursen von damals in allen vhs heute zwei wichtige neue Arbeitsbereiche: Kurse und Maßnahmen zur Integration von zugewanderten Menschen und Veranstaltungen für Menschen mit unzureichender Grundbildung.

Und noch immer entwickeln sich permanent neue Themen und Methoden. So bieten die Thüringer Volkshochschulen heute neben Kursen in 26 Sprachen auch Online-Vorträge oder Seminare zum 3D-Drucken an. Auch die Projektarbeit nimmt einen immer größeren Raum ein. Neben zahlreichen Integrationsprojekten, wie zum Beispiel Landesprachprogramme und berufsbezogene Deutschförderung, beschäftigen sich die Volkshochschulen und der Landesverband in Projekten mit Themen wie Nachhaltigkeit, Inklusion, interkulturelle Öffnung, Digitalisierung oder Grundbildung im bundesweiten und auch europäischen Kontext. Der Landesverband ist für die Volkshochschulen der zentrale Ansprechpartner bei der Beantragung, Durchführung und Abrechnung von Projekten. In diesem Bereich wurde in den vergangenen Jahren eine vernetzte und effektive Arbeitsstruktur aufgebaut.

Das Jubiläumsjahr in Thüringen

21 Thüringer Volkshochschulen feiern 2019 ihr 100-jähriges Jubiläum. Mit einer Festveranstaltung am 27. Februar 2019 am Gründungsort der Volkshochschule Thüringen – der Stadt Jena – wird dieses Jubiläumsjahr eröffnet. Als Gäste werden der Ministerpräsident des Landes Thüringen, Partner aus Politik und Gesellschaft und vor allem die aktiven und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen erwartet. Der Thüringer Volkshochschulverband e.V. gibt anlässlich der Festveranstaltung eine Jubiläums-Festschrift heraus, in der die Geschichte, Gegenwart und die Zukunft der Thüringer Volkshochschulen im Mittelpunkt steht.

Diesem Auftakt folgen viele weitere Veranstaltungen: So werden in vielen Regionen Angebote aus der Gründungszeit der vhs wieder in das aktuelle Programm aufgenommen, es gibt einen vhs-Ball mit Kostümen und Darstellungen aus den 1920er Jahren, einige vhs veranstalten Sommerfeste und es wird auch in Thüringen die Lange der Nacht der Volkshochschulen stattfinden. Nicht zuletzt wird der Landesverband gemeinsam mit den Volkshochschulen eine Sonderedition eines vhs-Kalenders 2019 herausbringen.

Den Abschluss des Jubiläumsjahres bildet ein Markt der Möglichkeiten mit Präsentationen aus den aktuellen Programmen der vhs, der anlässlich der Mitgliederversammlung des TVV e.V. in der ehemaligen Heimvolkshochschule Tinz (gegründet 1920) in Gera stattfindet, sowie eine Ausstellung von Arbeiten aus dem Bereich der Kulturellen Bildung an vhs im Thüringer Landtag. Die Ausstellung wird eine breite Palette ausgewählter Bilder, Keramiken, Skulpturen und Objekte in den verschiedensten Techniken von Teilnehmer*innen und Kursleiter*innen präsentieren. |

(1) Vgl. Blätter der Volkshochschule Thüringen (1919–1933), hrsg. und eingel. von Martha Friedenthal-Haase und Elisabeth Meilhammer, Bd.1, Hildesheim, Zürich, New York, Georg Olms Verlag, 1999, S. 9 ff.
(2) Ebenda, S. 32.

ist Direktorin des Thüringer Volkshochschulverband e.V.

Sylvia Kränke

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Thüringer Volkshochschulverband e.V.
  • Copyright: Christian Seidler

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