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Zur Situation der Volkshochschule im Nationalsozialismus

Von Prof. Dr. Elisabeth Meilhammer

Der nationalsozialistische Staat, dessen Machtanspruch total war, verfolgte von Anfang an die politische Zielsetzung, die gesamte Nation (soweit „arischer“ Abstammung) zu überzeugten Anhängern des Nationalsozialismus zu formen und den „neuen Deutschen Menschen“ zu schaffen. Bei diesem für alle Bereiche und Stufen des Bildungswesens und des Propagandaapparats verbindlichen Ziel ging es nicht um Wissen, Erkenntnis und persönliche Urteilsbildung, sondern um die ideologische Formung des Willens. Wie der Reichsminister des Innern, Wilhelm Frick, im Erlass vom 19. September 1933 verkündete, sollte der nationalsozialistische Staat „seine Ideenwelt durch die Volkshochschule den breiteren Schichten des deutschen Volkes zugänglich […] machen“. Die „Hauptaufgabe“ bestehe dabei darin, „die Willenshaltung des deutschen Volkes zu fördern“, indem der „Wille zur Wehrhaftigkeit, zur völkischen Selbstbehauptung, zum Bekenntnis von Blut und Boden und zur Einordnung in die Volksgemeinschaft verstärkt wird“ (zit. in Urbach 1975, 81).

Damit stand die neue Volksbildung in klarem Gegensatz zum freien, demokratisch und pluralistisch strukturierten Volkshochschulwesen der Weimarer Republik, das den Prinzipien der Freiheitlichkeit und politischen wie weltanschaulichen Unabhängigkeit verpflichtet war und in diesem Sinne der Allgemeinbildung auf wissenschaftlicher Grundlage diente.

Unverzüglich wurde das Volkshochschulwesen durch die Nationalsozialisten von Grund auf umgestaltet: Politisch und/oder „rassisch“ missliebige Persönlichkeiten wurden entlassen. Das Volkshochschulwesen wurde zentralisiert und 1934 als „Deutsches Volksbildungswerk“ dem Reichsschulungsamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront unterstellt, im Inneren wurden die Einrichtungen nach dem Führerprinzip organisiert. Der „Völkische Beobachter“, das Kampfblatt der NSDAP, schrieb am 7. August 1934: „Alle Volkshochschulen in Deutschland werden im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung durchorganisiert“ (zit. in Urbach 1975, 82). Manche Volkshochschulen, so die traditionsreiche in Leipzig, lösten sich „zur Vermeidung solcher Überwältigung“ (Friedenthal-Haase 2018, 157) selbst auf. Sogar der bedeutungsvolle Name „Volkshochschule“ wurde von den Nationalsozialisten vielfach ersetzt, etwa durch „Deutsche Heimatschule“ oder „Volksbildungsstätte“. Die inhaltliche Ausrichtung der Veranstaltungsprogramme entsprach dieser organisatorischen „Gleichschaltung“.

Hatten 1933 noch einige Repräsentanten der Weimarer Erwachsenenbildung geglaubt, durch Signalisierung einer Kooperationsbereitschaft mit den Nationalsozialisten das bisherige Volkshochschulwesen unter dem neuen Regime erhalten zu können, so wurden sie bald eines Besseren belehrt: Die Idee einer freien Volkshochschule wurde unterdrückt. Ganz vergessen war sie jedoch nicht: Bis 1938 hatte sie in Deutschland gewissermaßen noch eine Heimstatt innerhalb der vom Staat ausgegrenzten, zunächst geduldeten, dann zunehmend bedrängten, schließlich verbotenen Arbeit der jüdischen Erwachsenenbildung; im Ausland wurde sie durch deutsche Erwachsenenbildner im Exil tradiert. Inwieweit es unter der NS-Herrschaft in der Bildungspraxis noch vereinzelt Kontinuitäten aus der Zeit der Weimarer Republik, ja Widerstand gegen den Nationalsozialismus gab (siehe etwa Langewiesche 1989, 351; Friedenthal-Haase 2018, 157), ist bisher nur unzureichend erforscht. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich zwischen dem System und dem Handeln einzelner Erwachsenenbildner unterscheiden. Als System war die Erwachsenenbildung „in ihrer Grundstruktur den antidemokratischen, militaristischen und antijüdischen Zielsetzungen des NS-Systems verpflichtet“ (Olbrich 2001, 267), untergeordnet unter das NS-Anliegen der „Totalität des Zugriffs auf den Menschen“ (Feidel-Mertz 2018, 54).

Literatur

  1. Feidel-Mertz, Hildegard (6 2018): Erwachsenenbildung im Nationalsozialismus. In: Tippelt, Rudolf/ Hippel, Aiga von (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Wiesbaden, S. 39-58.
  2. Friedenthal-Haase, Martha (2018): Keine illegitime Tochter der Demokratie – ein historischer Blick auf die deutsche Volkshochschule anlässlich ihres 100. Geburtstags. In: Bildung und Erziehung, 71. Jg., S. 152-164.
  3. Keim, Helmut/Urbach, Dietrich (Hrsg.) (1976): Volksbildung in Deutschland 1933 – 1945. Einführung und Dokumente. Braunschweig.
  4. Langewiesche, Dieter (1989): Erwachsenenbildung. In: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. V: 1918 – 1945. Die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Diktatur. Hrsgg. von Dieter Langewiesche und Heinz-Elmar Tenorth. München, S. 337-370.
  5. Olbrich, Josef (2001): Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. Bonn.
  6. Urbach, Dietrich (1975): 1933 – 1945: Epoche des Nationalsozialismus. In: Pöggeler, Franz (Hrsg.): Geschichte der Erwachsenenbildung. Stuttgart u.a., S. 78-95.

Über die Autorin

Prof. Dr. Elisabeth Meilhammer ist Inhaberin des Lehrstuhls für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Augsburg.

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