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Gründungsgeschichte der Volkshochschulen in Deutschland

„Brücken schlagen“ – Erwachsenenbildung im Dienste des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Von Jürgen Pohl

Das Jahr 1919 gilt als das Geburtsjahr der Volkshochschule in Deutschland. In keinem anderen Jahr wurden so viele Volkshochschulen erstmals gegründet. Auch in Recklinghausen, wo sich am Abend des 29. August 1919 wichtige Funktionsträger der Kommunalpolitik und der Stadtverwaltung trafen, um über „die Frage der Einrichtung von Volkshochschulkursen in Recklinghausen” (1) zu sprechen. Für alle Beteiligten stand die Notwendigkeit von Volkshochschulkursen, ja sogar der Einrichtung einer Volkshochschule, außer Frage. Warum erhielt wenige Monate nach der Novemberrevolution und der Gründung der Weimarer Republik die Einrichtung einer Volkshochschule eine derart hohe Bedeutung? Woher kam der Begriff „Volkshochschule”, und was konnte man mit ihm verbinden?

Die Anfänge staatlicher Förderung in Preußen

Der Erlass des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Konrad Haenisch, vom 25. Februar 1919, auf den sich die Versammlung bezog, verkündete Folgendes: „Die Not der Zeit offenbart so eindringlich wie denkbar die Notwendigkeit der Arbeitsgemeinschaft aller Volkskreise. Wir müssen Brücken schlagen zwischen dem kleineren Volkteil, der geistig arbeitet, und dem immer größer werdenden Teile unserer Volksgenossen, der mit der Hand schafft, aber geistig hungrig ist. Wie der Kopfarbeiter täglich den Segen der Handarbeit genießt, so muss der Handarbeiter in Stadt und Land teilnehmen können an den Errungenschaften seiner in geistigen Werkstätten schaffenden Volksgenossen ... Über Stadt und Land verbreitete Volkshochschulen , in denen die so vielfach volksfremd gewordene Wissenschaft wieder deutsch zu Deutschen spricht, müssen uns helfen, das geistige Band zwischen allen Volksteilen wieder fest zu knüpfen und verlorenes Verständnis für gemeinsame Arbeit wieder zu erobern. Das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung möchte der Volkshochschulbewegung dienen. Die Volkshochschulen wollen und sollen nicht staatlich geleitet werden. Aber der Staat wird und muss die Förderung der Volkshochschulen als eine ihm obliegende wichtige Aufgabe betrachten. Das Ministerium öffnet daher der Volkshochschulbewegung für ihre Arbeiten und Übungen alle staatlichen Unterrichtsräume und Sammlungen so weitgehend, wie es mit den Anforderungen eines geordneten Betriebes der Schulen und Hochschulen irgend vereinbar ist... Das Ministerium wünscht Mitteilungen über jede zweckmäßige, insbesondere gemeindliche Förderung der Volkshochschulbewegung, wird seine Zentrale für Volkshochschulwesen in den Dienst der Bewegung stellen und Beratungen über Aufgaben und Ziele der Volkshochschule veranlassen. Es hofft, dass die deutsche Volkshochschule als freie Volksbewegung zu ihrem Teil beitragen wird zur Wiedergeburt unseres Volkes.“ (2)

Auch die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 griff die Förderung der Volksbildung auf und führte in Artikel 148 aus: „In allen Schulen ist sittliche Bildung, staatsbürgerliche Gesinnung, persönliche und bürgerliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums und der Völkerversöhnung zu erstreben [...]. Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“

Ursprünge im 19. Jahrhundert

An dieser Empfehlung ist auffällig, dass neben dem Schulwesen erstmalig auch das Volksbildungswesen von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden sollte und dass die Volkshochschulen als einzige Einrichtung des doch sehr vielfältigen Volksbildungswesens ausdrücklich genannt wurden. Das spricht sicher für die große Bedeutung, die man ihr in der Zeit der revolutionären und demokratischen Umwälzung als zwar neutrale, trotzdem öffentlich verantwortete Institution der Erwachsenenbildung zumaß.

Tatsächlich ist der Begriff Volkshochschule keine Neuschöpfung von Regierungserlassen und der Verfassung von 1919. Er entstand im Zuge der Volksbildungsbewegung im 19. Jahrhundert und hatte viele Facetten. Der Anspruch von Bürgertum und Arbeiterschaft an der Teilhabe der politischen Macht war begleitet von einer Zunahme von Bildungszirkeln und Bildungsvereinen. „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen” verkündete Wilhelm Liebknecht (3) mit Rückgriff auf den englischen Philosophen Francis Bacon und meinte damit, dass die Lösung der Sozialen Frage vor allem eine Bildungsfrage sei. Nur die Bildungsarbeit in einem freien Staat konnte für Liebknecht einen partizipatorischen Charakter für die weniger privilegierten Schichten des Volkes haben. Bildung in einem autoritären Staat habe nur die Aufgabe, das Volk an diesen zu binden, meinte er kritisch mit Blick auf das Wilhelminische Bildungssystem.

Erwachsenenbildung gewinnt an Bedeutung

Das Zeitalter des Imperialismus brachte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit seiner industriellen, militärischen, nationalen und kultur- und bildungspolitischen „Mobilmachung” völlig neue Voraussetzungen für das Bildungswesen insgesamt und damit auch für die Erwachsenenbildung. So sind die Bildungsangebote des vielgestaltigen Vereinswesens als auch diejenigen der mit öffentlichen Mitteln geförderten Einrichtungen als Antwort auf die ständig wachsenden wirtschaftlichen, beruflichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Erfordernisse der damaligen Zeit zu verstehen. Das galt auch für die überparteiliche und überkonfessionelle Volksbildung, die alle Bevölkerungsschichten erreichen wollte und sich am bürgerlich-akademischen Ideal von Bildung ausrichtete.

Im lokalen Raum übernahmen Volkshochschulen, Hochschulkurse der Universitätsausdehnungsbewegung (nach dem englischem Vorbild der university extension) oder Ausschüsse für Volksvorlesungen die Organisation der Bildungsangebote. Überregionalen Einfluss auf die örtlichen Angebote hatte vor allem die „Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung” (4) (1871), die sich um die Schulung und Vermittlung der Lehrer sorgte, Volks- und Wanderbibliotheken organisierte, zu Volksunterhaltungsabenden einlud und sich um die landesweite Ausdehnung der Volksbildungsbewegung bemühte.

Ähnliche Aufgaben nahmen aber auch andere Gesellschaften wahr: die „Comenius-Gesellschaft”5 (1892), der „Verband für volkstümliche Hochschulkurse von Hochschullehrern im Deutschen Reich” (1899), der „Dürerbund” (1902) oder die „Fichte Gesellschaft” (1916). (6) Sie förderten das flächendeckende Angebot sowie die personelle und institutionelle Absicherung. Beeinflusst wurde diese Bewegung auch vom Ausland. Es entstanden erste Bauernhochschulen und Volkshochschulheime nach Ideen der „folkehojskole” des dänischen Pädagogen und Theologen Grundtvig (1783-1872).

Überparteilicher Anspruch

Das bedeutendste Motiv dieser „neutralen” Bildungsoffensive war die Integration der unteren Schichten der Bevölkerung in das bestehende Staatswesen. Die Bildung der Arbeiterschaft in diesem Sinne sollte sicher auch ein Gegenmittel zur revolutionären Programmatik der Arbeiterbewegung und der von ihr propagierten Veränderung des bestehenden Systems sein: „Nicht die Politik darf zur Grundlage des Arbeiterbildungswesens gemacht werden. Wahre Bildung, die wir vermitteln wollen, muss über der Politik stehen. Besonders die Arbeiterbevölkerung muss dies begreifen lernen. Sie ist es gewöhnt, vom politischen Gesichtspunkt alle Dinge zu betrachten, und muss lernen, den Menschen über den Parteipolitiker zu stellen. Eine Parteierziehung darf erst nach der allgemeinen Menschenbildung einsetzen.“ (7)

Neben dieser „neutralen” Volksbildung agierte natürlich noch eine große Zahl der milieugebundenen oder „freien” Einrichtungen auf dem Volksbildungsmarkt: die Jünglings-, Frauen-, Handwerker- und Arbeitervereine der katholischen, evangelischen und jüdischen Konfessionen, die Arbeiterbildungsvereine der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie. Auch auf sie wirkten überregionale Gesellschaften ein: Der „Volksverein für das katholische Deutschland” (1890) und der „Sozialistische Bildungsausschuss” (1906), die sich später, gemeinsam mit anderen Vereinigungen, im „Ausschuss der deutschen Volksbildungsvereinigungen” (1916) zusammenschlossen.

Hohe Erwartungen an die Volkshochschulbewegung

Nach dem Ersten Weltkrieg blieben die liberalen, evangelischen, katholischen und sozialistischen als größte Volksbildungsverbünde in Form des „Reichsverbandes der Volkshochschulen”, des „Evangelischen Volksbildungsausschusses”, des „Zentral-Bildungsausschusses der katholischen Verbände Deutschlands” und des „Reichsauschusses für sozialistische Bildungsarbeit” bestehen. In der politisch, sozial und psychologisch diffizilen Nachkriegssituation mit der als nationale Katastrophe empfundenen Niederlage, mit den Millionenverlusten an Menschen, mit Besatzungen, Reparationen, Inflation, Arbeitslosigkeit, mit der Angst vor Revolution und Putschen, sollte nun die Volkshochschulbewegung mithelfen einen Weg aus diesem Dilemma zu finden.

Und alle wollten mitreden bei der Gestaltung des Weges. So waren die pädagogischen und bildungspolitischen Ziele, die man einer Volkshochschulbewegung zumaß, weit gespannt und die Erwartungen, die man an sie knüpfte, sehr hoch: „Wissensbildung”, „Gesinnungsbildung”, „Willensbildung”, „Weltanschauungsbildung”, „Gestaltung des deutschen Menschen”, „Heimatkundliche Bildung”, „Zurück vom Rationalismus”, „Pflege des Irrationalen” usw. (8) sind nur einige Andeutungen aus dem Begriffsregister der Wegsuchenden.

Chance der Demokratie

Vor allem aber gab es 1919 die große Chance der Demokratie. Das Bewusstsein von der politischen, sozialen und kulturellen Erneuerung Deutschlands auf der Grundlage einer demokratischen Verfassung räumte der Volksbildungsbewegung – verfassungsmäßig gewollt – völlig neue Möglichkeiten ein.

Als erstes Land erhielt Preußen innerhalb des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung 1919 ein eigenständiges Referat für Volksbildung unter der Leitung von Robert von Erdberg (1866-1929). So brachte die folgende Äußerung Fritz Adlers durchaus die Stimmung gegenüber dem neuen Vorhaben „Volkshochschule” auf den Punkt: „Abgesehen von vereinzelten Versuchen haben wir bisher nichts derartiges in Deutschland gehabt, das als eine allgemeine Bildungsmöglichkeit und -notwendigkeit dem Volke nahe gebracht wäre. Die geistigen Führer unseres Erziehungswesens haben sich vor der Revolution nur wenig mit der Frage einer Volkshochschule beschäftigt und in allen Kreisen steht man ihr zumeist noch völlig fremd und verständnislos gegenüber. Weil es aber eine Hochschule für das Volk in seiner Gesamtheit sein soll, muss der Gedanke dieser Neuschöpfung erst einmal in alle Schichten und Stände unserer Nation hereingetragen werden [...]. Die Volkshochschule darf nicht nur von einigen Pädagogen und Gelehrten in der Art und Richtung ihres Wirkens ausgebaut werden, sondern wir müssen auch erfahren, was das Volk will und fordert. Und je reicher die Anregungen sind und die möglichen Wege, um so sicherer werden wir den einen, rechten Weg finden.“ (9)

Als sich Ende August 1919 die nunmehr demokratisch gewählten Recklinghäuser Kommunalpolitiker, sachkundigen Bürger und Pädagogen zum Aufbau einer Volkshochschule zusammenfanden, hatten sie also einerseits durchaus kein unbeschriebenes Blatt aus der Geschichte der deutschen Erwachsenenbildung vor sich. Andererseits konnte von einer einheitlichen und klar strukturierten Weiterbildungslandschaft natürlich nicht einmal im Ansatz die Rede sein. So deuteten die Erlasse der Regierung auch nur die Richtung an, verzichteten auf konkrete Hinweise über Inhalt und Aufbau der Volkshochschulen und überließen diese Aufgabe der Kreativität der Akteure in den einzelnen Städten und Gemeinden.

Anmerkungen

(1) Recklinghäuser Zeitung, 30. 8. 1919.

(2) Zit. nach H. Harms, Die Volkshochschule im Lichte allgemeiner Bildungs- und Menschheitsfragen. Ein Beitrag zu einer naturgemäßen Gestaltung der Volkshochschulen, Osterwieck/Harz 1920, S. 53/54.

(3) Wilhelm Liebknecht, Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Festrede gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Bildungsvereins am 5. Februar 1872, Neuauflage Berlin 1904, S. 24f.

(4) Die Volkshochschule, Handbuch für die Praxis der Leiter und Mitarbeiter, 9. Lieferung Dezember 1975 Nr. 80.210: „Die Gesellschaft verstand sich also auf eine Einrichtung, die darauf abzielte, die Schul- und Weiterbildung der breiten Bevölkerung stärker miteinander zu verknüpfen...Ihr Bildungsziel war der mündige Bürger...In diesen ihren Zielen unterschied sich die Gesellschaft deutlich sowohl von den konfessionellen bzw. parteigebundenen Bildungsorganisationen, als auch von Einrichtungen und Bewegungen, die Persönlichkeitsbildung auf humanitärer (Comenius-Gesellschaft seit 1891) oder auch Menschenbildung in einem mehr existentiellen Sinne (Neue Richtung seit etwa 1910) anstrebten. Sie war vielmehr auf die Erfassung breiter Massen ausgerichtet, die sie im Sinne der heutigen Massenmedien durch möglichst umfassende Information, unter Verzicht auf jegliche Agitation zu unterrichten und auch zu unterhalten gedachte.“

(5) Im Programm der Comenius-Gesellschaft taucht Anfang der 1890er Jahre zum erstenmal der Name Volkshochschule auf. Das erste Institut, das sich unter ihrem Einfluss bereits 1893 den Namen „Volkshochschule“ zulegte, war die Abend-Fortbildungsschule in Straßburg, die in Vormittags- und Abendkursen berufstätige Erwachsene mit den für den gehobenen Dienst notwendigen schulischen Kenntnissen ausstattete. Die Volkshochschule. Handbuch a.a.O. Von der freien Volksbildung zur Volkshochschule, 6. Lieferung 1973, Nr. 80.300.

(6) Siehe Wolfgang Seitter, Geschichte der Erwachsenenbildung. Eine Einführung, Bielefeld 2000, S. 20ff und Bettina Irina Reimers, Volksbildungs- und Volkshochschulbewegung, in: Diethart Kerbs, Jürgen Reulecke (Hg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880 – 1933, Wuppertal 1998, S. 355ff. Martin Rudolf Vogel, Volksbildung im ausgehenden 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Theorien- und Institutionengeschichte, Stuttgart 1959.

(7) Else Hildebrandt, Arbeiterbildungsfragen im neuen Deutschland, Jena 1916, S. 5; ähnlich Harald Schultz-Hencke, Der Sinn unserer Zeit und die freien Volkshochschulen als Vorkämpfer neuen Bildungswesens, Grundsätzliches zur Revolutionierung von Schule und Unterricht, Berlin 1920.

(8) H. Harms, a.a.O. S. IV.

(9) Fritz Adler, Die deutsche Volkshochschule, Leipzig 1919, S. 6.

ist Leiter der vhs Recklinghausen

Jürgen Pohl

Der Text ist ein Auszug aus dem Beitrag „... im Geiste zweckfreier Wissenschaftlichkeit und strengster Sachlichkeit“. Die erste Gründung einer Volkshochschule der Stadt Recklinghausen im Jahr 1919, erschienen in Vestischer Kalender 2009, 80. Jg.

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