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100 Jahre - ein historischer Abriss

Volkshochschulen: Pioniere eines lebenslangen Lernens für alle

Von Prof. Dr. Ulrich Klemm

Erwachsenenbildung ist – historisch betrachtet – ein vergleichsweise junges Phänomen. Erst die Forderung der Aufklärungsepoche nach Mündigkeit und Emanzipation, Immanuel Kants „sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ sowie die gesellschaftlichen Entwicklungen im Kontext der Industrialisierung und Technisierung führten zur allmählichen Institutionalisierung der Erwachsenenbildung.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gab es hierzu verschiedene Richtungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine Volkshochschulbewegung mündeten: Die Heimvolkshochschulbewegung aus Dänemark, die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung ab 1871 in Deutschland und die englische Universitäts-Ausdehnungsbewegung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewirkten ein neues Verständnis von Volksbildung in Deutschland: Die Idee vom lebenslangen Lernen für alle war geboren. 

So waren die ersten Gründungen von Volkshochschulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels und einer reformpädagogischen Erneuerungsbewegung. Die Idee, Bildung für alle und lebenslang, wurde erstmals systematisch und dauerhaft von Volkshochschulen realisiert. In dieser kulturhistorischen Tradition bewegen sich die Volkshochschulen bis heute. 

Bezeichnend dabei ist, dass die Volkshochschulen in den historischen Transformationsphasen in Deutschland – 1918 – 1933 – 1945 – 1990 – ihr Selbstverständnis immer neu auf den Prüfstand stellten und nach gesellschaftlichen Bedarfen und Bedürfnissen fragten. Die Volkshochschule ist kein starres System – im Gegenteil: Die vergangenen 100 Jahre haben gezeigt, dass sie selbst eine lernende Organisation ist und auf individuelle und gesellschaftliche Veränderungen reagiert.

Die Volkshochschule ist ein Bildungsort, der sich im Horizont der europäischen Aufklärung bewegt: Weltanschauliche Neutralität, individuelle Kompetenzentwicklung, individuelle und gesellschaftliche Mündigkeit als dialektisches Verhältnis sowie Daseinsvorsorge als Entwicklungsfaktor für Wohlstand prägen ihre Arbeit. Dabei waren Volkshochschulen immer wieder auch staatlicher Instrumentalisierung ausgesetzt, insbesondere während der Nazi-Diktatur und ab 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR.

Das Jahrhundert seit der großen Gründungswelle der Volkshochschulen lässt sich in vier Phasen unterteilen. 

1919–1933

Die Förderung der Erwachsenenbildung bzw.  der Volkshochschul-Arbeit wird in der Weimarer Verfassung in Artikel 148 Abs. 4 verankert, was zur Gründung einer Vielzahl von Volkshochschulen führt. Eine reformpädagogische Didaktik setzt sich durch und wird als „Neue Richtung“ in der Erwachsenenbildung bezeichnet. Gesellschaftspolitische Themen erhalten eine größere Bedeutung und erste systematische Kooperationen mit Universitäten entstehen, z.B. in Köln und Leipzig. Es kommt zu einem ersten Richtungsstreit zwischen einer eher bürgerlichen und einer eher proletarischen Orientierung („Leipziger Richtung“). In den 1920er Jahren gründen sich die ersten VHS-Dachorganisationen und Serviceeinrichtungen.

1933–1945

Nach 1933 erfolgen sehr schnell „Gleichschaltung“ und nationalsozialistische Instrumentalisierung der Volkshochschulen, verbunden mit einer Entlassungswelle von VHS-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern. Die Volkshochschularbeit wird ideologisiert und unter die Kontrolle der NSDAP gestellt. Autonomie und kommunale Orientierung der Volkshochschulen werden unterbunden. Organisatorisch werden sie in die Nationalsozialistische Organisation „Kraft durch Freude“ in der Deutschen Arbeitsfront eingebunden. Die operative Steuerung übernimmt das „Deutsche Volksbildungswerk“. Aus Volkshochschulen werden Volksbildungsstätten.

Ebenso wie der Begriff verschwindet in dieser Zeit auch die Ursprungsidee der Volkshochschule aus der deutschen und österreichischen Bildungslandschaft. Während des Krieges kommt den „gleichgeschalteten“ Volksbildungswerken an der „Heimatfront“ eine besondere ideologische Rolle zu. Auch in den annektierten und eroberten Gebieten entstehen neue Volksbildungswerke. Ihre Zielgruppe sind neben der Zivilbevölkerung insbesondere Soldaten der Wehrmacht.

1945–1980er

Die zweite große vhs-Gründungswelle erfolgt unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sowohl in der sowjetischen Besatzungszone als auch in den von den Westmächten kontrollierten Gebieten. Bereits im Sommer 1945, und damit wenige Wochen nach der Kapitulation, entstehen erste zivilgesellschaftliche Initiativen zur Gründung neuer oder ehemaliger Volkshochschulen. In den Westzonen werden die wiedereröffneten Volkshochschulen in das Re-Education-Programm der Westalliierten integriert. In der Sowjetischen Besatzungszone – und ab 1949 in der DDR – prägt die „antifaschistische“ Bildungsarbeit als politischer Überbau bis in die 1960er Jahre hinein die Erwachsenenbildung.

In Westdeutschland erfolgt in den 1950er Jahren die Rückbesinnung auf die inhaltliche Ausrichtung in der Weimarer Zeit. Eine sogenannte „Realistische Wende“, unter anderem ausgelöst durch das staatliche Gutachten „Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung“ von 1960, verändert auch die Volkshochschul-Landschaft nachhaltig: Berufliche Weiterbildung und nicht allein Allgemeine Erwachsenenbildung bestimmen von nun an zunehmend die strategische Programmplanung. Die späten 1960er und die 1970er Jahre sind geprägt von einer zunehmenden Professionalisierung und Akademisierung des erwachsenenpädagogischen Berufsbildes und – ganz entscheidend – von der rechtlichen Verankerung der Erwachsenenbildung als Säule des Bildungswesens in Weiterbildungsgesetzen der Länder. Ab Mitte der 1970er Jahre und in den 1980er Jahren beginnen die Volkshochschulen, ihr Angebot weiter zu systematisieren und auszudifferenzieren, etwa durch die Entwicklung spezieller Zielgruppenangebote. Die Programmvielfalt an den Volkshochschulen wächst.

1980er Jahre bis heute

In der Programmplanung spielt Marktorientierung ab den 1980er Jahren eine zunehmend wichtige  Rolle, was in der Folge eine betriebswirtschaftliche Professionalisierung der Bildungspraxis bewirkt. Das Qualitätsmanagement wird zu einer tragenden Säule in der Personal- und Organisationsentwicklung ausgebaut.

Gleichzeitig erleben die Volkshochschulen ab den 1980er Jahren aber einen Rückgang der öffentlichen Finanzierung und einen verstärkten Druck hin zur Projektorientierung. Die Schere zwischen sinkenden Mitteln zur Grundfinanzierung einerseits und dem Ausbau der drittmittelfinanzierten Projektarbeit andererseits, führt im Bildungsmanagement bis heute zu einem Spagat zwischen öffentlichem Bildungsauftrag und Nachfrageorientierung.  

In diesen Zeitraum fällt auch der Transformationsprozess der Volkshochschulen in den neuen Bundesländern. Anfang der 1990er Jahre gelingt es innerhalb von wenigen Jahren, unter den ehemaligen DDR-Volkshochschulen einen Reformprozess in Gang zu setzen und sie in kommunaler Verankerung als Einrichtungen mit starkem demokratischem Selbstverständnis fortzuführen. 

Spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts spielen die Volkshochschulen eine gewichtige integrationspolitische Rolle. Mit Einführung des Integrationskurses als dem zentralen Bildungsinstrument in der Zuwanderungsgesellschaft werden Volkshochschulen zu dessen bundesweit stärkstem Anbieter.

Und ein weiterer Effekt prägt heute zunehmend die Bildungsarbeit an Volkshochschulen: Die Entgrenzung und Entinstitutionalisierung von Lernkontexten. Vor allem die Digitalisierung aller Lebensbereiche stellt neue Anforderungen auch an die Volkshochschulen. Ihre Antwort ist die Strategie der „Erweiterten Lernwelten“. Mit der digitalen Lern- und Kooperationsplattform vhs.cloud steht den Volkshochschulen seit 2018 eine einheitliche digitale Infrastruktur zur Verfügung. 

Weiterführende Literatur

  • Bildung und Erziehung, Schwerpunkt: 100 Jahre Volkshochschule, 71. Jg. 2018, H. 2.
  • Deutscher Volkshochschulverband: Die Volkshochschule – Bildung in öffentlicher Verantwortung. Bonn 2011.
  • Hessische Blätter für Volkbildung, Schwerpunkt: 100 Jahre Volkshochschule, 2018, H. 4.
  • Klemm, Ulrich (Hrsg.): Die Idee der Volkshochschule und die politische Gegenwart. Hannover 2017.
  • Klemm, Ulrich: Wanderausstellung zur Kultur- und Bildungsgeschichte der vhs. 100 Jahre Bildungstradition der Volkshochschulen in Sachsen. In: dis.kurs, 2018, H.4, S. 26-27.
  • Koerrenz, Ralf/ Meilhammer, Elisabeth/ Schneider, Käthe (Hrsg.): Wegweisende Werke zur Erwachsenenbildung. Jena 2007.
  • Olbrich, Josef: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. Opladen 2001.
  • Schrader, Josef/ Rossmann, Ernst Dieter (Hrsg.): 100 Jahre Volkshochschulen. Bad Heilbrunn 2019.
  • Wolgast, Günther: Zeittafel zur Geschichte der Erwachsenenbildung. Neuwied 1996.

ist Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes.

Prof. Dr. Ulrich Klemm

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  • SVV - S. Rank

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